LB Magazin interviewt Rolf Monitor

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seit 1984: Untertitel für Hörgeschädigte (Interview LBmagazin)

1. Herr Monitor, Sie sind Untertitler. Welche Fernsehsendungen haben Sie bereits untertitelt?
Im Wesentlichen: Die erste vom WDR selbst untertitelte Sendung überhaupt: "Der siebte Sinn" (1985), dann "Lindenstraße" (mit zuerst einem, dann drei Kollegen bis ca. Folge 200), "Gott und die Welt", "Das Wort zum Sonntag", "Dschungel", "Quarks und Co" und "Monitor".

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Ich bin also gewechselt von vorproduzierten Sendungen zu zeitnah produzierten und dann live untertitelten Sendungen.

2. Sie heißen mit dem Nachnamen "Monitor", genauso wie das Politmagazin in der ARD. Wurde die Sendung "Monitor" nach Ihnen benannt oder umgekehrt?
Da die Sendung ein paar Jahre nach mir geboren wurde, könnte sie mich vielleicht auch überleben.
Im Alltag: Immer mal wieder landet an mich gerichtete private Post bei der MONITOR-Redaktion.

3. Die Sendung "Monitor" wurde zum 500sten Mal ausgestrahlt. Haben Sie alle Folgen selbst untertitelt?
Monitor wird erst seit 1992 untertitelt. Die ersten acht Jahre war ich der einzige Untertitler. Aber die Sendetermine nahmen viel Einfluss auf meine Reiseplanung, daher hab ich dann nach einiger Zeit des Suchens meinen jetzigen Kollege Florian Schneider entdeckt. Ich selbst habe bis heute (05/03) 205 mal Monitor untertitelt.
Da ich in der Zwischenzeit zudem wegen eines Kulturprojektes im Osten in der Nähe der polnischen Grenze lebe, untertitle ich meist, wenn zwei Sendungen in eine Woche fallen, damit sich die Reise dann lohnt. Ansonsten freue ich mich immer über die Tage in meiner alten Heimatstadt.

4. Ist das Untertiteln von "Monitor" anders als bei anderen Sendungen? Was sind die besonderen Unterschiede?
Der Hauptunterschied heißt Aktualität: Es gibt keine untertitelte Sendung außer der Tagesschau, die kurz vor Sendebeginn noch so stark verändert werden kann.
Konkret sitze ich am Sendetag mit meinem Laptop in der Redaktion. So früh wie möglich versuche ich, die fertigen oder geänderten Sprechertexte zu bekommen. Das ist manchmal schwer, weil die Autoren natürlich auch unter Zeitdruck stehen. Diese Texte übersetze ich ins Untertitelformat, kürze sie, vereinfache den Satzbau und konzentriere den Inhalt. So gegen 16 Uhr erfolgt dann die "Abnahme" durch die Redaktion und den verantwortlichen Redakteur. In dieser Abnahme wird entschieden, welche Beiträge gesendet werden oder eventuell noch verändert werden müssen.
Dort nehme ich die O-Töne (Interviews etc.) auf Minidisk auf, die in den Sprechertexten meist fehlen. Danach höre ich sie ab und füge sie den Texten hinzu. Nach der Abnahme werden einzelne Beträge noch gekürzt oder verändert. Das Ergebnis dieser Veränderungen liegt oft kurz vor Sendung vor, so dass ich die beim Untertiteln nicht mehr berücksichtigen kann.
Werden beispielsweise Teile eines Beitrags umgestellt, entstehen Pausen im Untertitelablauf, weil ich dann während der Sendung die richtigen Anschlüsse suchen muss. Als letztes bearbeite ich die Moderationstexte und sortiere die einzelnen Beiträge ein. Anschließend (meist ist es dann schon 19.45 Uhr) werden die Untertitel von einem Kollegen gegengelesen. Oft müssen wir das vorzeitig abbrechen, weil die Sendung beginnt.

5. Oft erscheinen kurz vor der Ausstrahlung brandaktuelle Beiträge, die untertitelt werden müssen. Wie lösen Sie das Problem?
Ich versuche die Texte zu bekommen, um wenigstens stark zusammengefasste Untertitel anbieten zu können. Wenn nichts mehr geht, wird gesendet: Dieser Beitrag ist nicht untertitelt.
Es gibt auch Live-Interviews, die ich wenigstens summarisch zu untertiteln versuche. Das finde ich immer noch besser, als gar nicht zu untertiteln. Auch wenn sich einige Gehörgeschädigte dann über die "dünne" Untertitelung beschweren.

6. Bei all dem Stress vor der Ausstrahlung einer "Monitor"-Sendung: Wären Sie da nicht lieber Live-Untertitler?
Live-Untertitelung, bei der die Untertitel während der laufenden Sendung geschrieben werden, sind erst Recht Stress. Das kann man nur zu zweit machen und nach 20 bis 30 Minuten lässt die Konzentration nach. Man muss da ja gleichzeitig hören, formulieren und schreiben.

7. Die Beiträge bei "Monitor" sind oft sehr brisant und sorgen für viel Aufregung - auch bei Ihnen? Haben Sie sich manchmal gewünscht, zu den Untertiteln persönliche Kommentare hinzufügen?
Ich habe das Glück, im WDR eine Arbeit zu machen, die mir viel Spass macht und die ich für sehr sinnvoll halte. Natürlich regen mich die behandelten Themen auch manchmal selbst auf. Vor allem wenn man als Zuschauer oder Bürger von einigen Politikern oder Firmenvertretern für dumm verkauft wird.
Meist gibt es aber keine größeren Meinungsunterschiede zu den Beiträgen selbst. Außer bei den Glossen... Von daher sind persönliche Kommentare überflüssig. Höchsten bei Ereignissen wie Silvester oder Karneval würd ich gerne mal einen kurzen Gruß von Untertitler an Leser senden.

8. Die Untertitel-Werkstatt Münster greift bei allen Sendungen gnadenlos zum Rotstift und kürzt die Dialoge "zur besseren Verständnis". Werden die gesprochenen Texte bei "Monitor" auch gekürzt?
Ja, denn keiner kann so schnell lesen, wie die meisten Menschen reden. Außerdem erzwingt die Textmenge, die ein Untertitel enthalten kann, eine Verdichtung. Sonst weiß man am Ende mancher langen Sätze nicht mehr, wie er angefangen hat.

9. Die Redaktion von "Monitor" bekommt viele Leserbriefe. Bekommen Sie auch welche?
Ja, aber nicht viele. Meist Kritik, aber das ist auch ok.

10. Einer aus Ihrer Branche hat behauptet, die Untertitel müssen von Pädagogen geprüft werden. Werden Ihre Untertitel auch geprüft?
Sie werden in der Regel auf Rechtschreibung, sachliche Richtigkeit und Verständlichkeit gegengelesen. Bei "Monitor" kommt es manchmal vor, dass die Untertitel erst so kurz vor Sendung fertig werden, dass ich während der Sendung grobe Fehler in dem als nächsten zu sendenden Untertitel korrigiere, aber das kostet dann etwas Zeit und verzögert diesen UT etwas.

11. Bei vielen Fernsehsendungen und auf einigen DVDs werden Untertitel mit Farbe versehen. Diese werden den Personen zugeordnet. Einige Hörgeschädigte behaupten jedoch, dass dies verwirrend wäre. Stimmen Sie dem zu?
Vorproduzierte Sendungen werden bei festliegenden Rollen auch vom WDR farbig untertitelt. Ich kenne nur die Meinung, dass das die Zuordnung zu den Personen erleichtert.

12. Gibt es eine Sendung oder einen Film, den Sie schon immer untertiteln wollten?
MONITOR war so eine Sendung. Der damalige Chef der Videotextabteilung Günter Burike fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, MONITOR zu untertiteln. Zu der Zeit gab es nur einige Tage bis Wochen vor Sendetermin untertitelte Sendungen.
Ich mochte die Sendung und schätzte auch Klaus Bednarz, so dass ich vorschlug, zwei Sendungen versuchsweise ohne offizielle Ankündigung zu untertiteln.
Den konkreten Ablauf konnte ich nur ausprobieren. Ich war bei einigen MONITOR-Redaktionssitzungen dabei und wurde von der damaligen Redaktion sehr unterstützt.
Schon nach der ersten untertitelten MONITOR Sendung, war klar, dass wir die zweite "Versuchssendung" nicht mehr brauchten. Seitdem ist jede Sendung untertitelt. Nein, stimmt nicht. Es gab in all den Jahren auch zwei Sendungen, in denen wir wegen technischer Probleme die Untertitel nicht austrahlen konnten.
Anfangs fehlten oft die Untertitel bei ein oder zwei Beiträgen. Es war zeitlich nicht zu komplett schaffen. Aber wir haben dazugelernt, Arbeitsabläufe optimiert, so dass ein nicht untertitelter Beitrag nun die Ausnahme ist.
Nebenbei bemerkt, auch die Technik hat sich geändert. Anfangs wurde mein Laptop (mit einem Diskettenlaufwerk, ohne Festplatte!) noch von allen bestaunt. Es war der erste Computer in der Redaktion. Gesprochene Texte hab ich auf einem normalen Walkman aufgezeichnet. Heute nutze ich einen Minidisk-Recorder oder das Notebook zum Aufzeichnen. Ganz zu Beginn benutzten wir noch Disketten, die waren so groß wie eine Bratpfanne und der Untertitelrechner füllte einen ganzen Raum aus.

13. Schauen Sie sich auch privat Sendungen oder Filme mit Untertiteln an?
Selten, ich sitze oft beruflich und privat am Computer, so dass ich nicht auch noch vor dem Fernseher sitzen möchte. Aber wenn Untertitel mitgesendet werden, lese ich auch mit. Und schau natürlich, wer sie geschrieben hat.

14. Ist "Untertitler" Ihr Traumberuf? Wollten Sie auch als Kind Untertitler werden oder lieber Feuerwehrmann?
Bei mir was eher Astronaut, aber ich bin nun schon damit zufrieden, in der Freizeit ab und zu mit einem Radlader zu fahren und zu arbeiten. Das ist ungefährlicher als Astronaut zu sein.
Um meine Brötchen zu verdienen arbeite noch als EDV-Berater und -Programmierer mit den Schwerpunkten Beratung, Datenbanken, Internet und drahtlose Netze.

15. Sind Sie immer Untertitler oder haben Sie auch ein Privatleben?
Privat arbeite ich viel für unser Kulturprojekt in Mittelherwigsdorf. Ich spiele singe gern, spiele Keyboards und Percussion, stehe ab und zu auf der Bühne.

16. Es wird viel Lärm um Untertitel gemacht. Doch bisher kamen Untertitler selbst kaum zu Wort. Haben Sie uns Untertitel-Nutzer etwas mitzuteilen?
Ich möchte gerne einladen zu mehr Dialog. Das wird den Unmut über zu dünn untertitelte Beträge besänftigen. Interessiert bin ich an Kritik zur Verständlichkeit.

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