Traum und Wirklichkeit

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Mittelherwigsdorf liegt in der Oberlausitz nahe der polnischen und tschechischen Grenze. Hier entwickelt sich seit 1997 ein kultureller Anziehungspunkt mit überregionaler Ausstrahlung. Zumindest für Rolf Monitor war und ist es so. Er hat dort nach vielen Jahren der Suche endlich seine Gemeinschaft gefunden. Rolf erzählt von anfänglichen Träumen und notwendigen Ernüchterungen auf dem Weg. Und davon, was er immer noch an neuen Impulsen in die Tat umsetzen möchte.

Gehört hatte ich von der Gemeinschaft, die in der alten Nudelfabrik in Mittelherwigsdorf entstehen sollte, zum ersten Mal vor über zehn Jahren in einer Jahresgruppe im ZEGG. Ich war auf der Suche nach einer Gemeinschaft, schon lange. Bereits mit 16 war mir klar, dass ich mit Menschen zusammen wohnen wollte – richtig zusammen, nicht nur Tür an Tür. In der Kleinstadt Neuss, wo ich herkomme, hieß zusammen wohnen: in separaten Wohnungen im gleichen Haus. 

So machte ich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erst mal Erfahrungen mit dem Leben in der Familie, in Wohngemeinschaften und alleine. Es waren bereichernde Erfahrungen, aber es war nicht das, was ich eigentlich wollte. Dann endlich, 1997, der entscheidende Schritt: Ich war mit meiner Freundin Astrid und meiner Tochter Lina seit einiger Zeit auf der Suche: In Köln, wo wir lebten, Freunde hatten und arbeiteten, waren zwei Gemeinschaften im Aufbau gescheitert, selbst nach zwei Jahren intensiver Vorbereitung. Es scheint schwer zu sein in den Großstädten. So fiel die Entscheidung, andere Gemeinschaften außerhalb Kölns zu besuchen. Eine Gruppe von Leuten hörte den Visio-nen von Thomas und Veronika aus der entstehenden Gemeinschaft in Mittelherwigsdorf zu, die spüren ließen, dass in diesem Moment etwas Neues möglich war. Viele Zuhörer zeigten Interesse, und auch Astrid und ich beschlossen, Veronika und Thomas zu besuchen. 

Die Ankunft 

Die letzte Etappe nach sieben Stunden Zugfahrt, langsam tastete sich der Zug in den Osten vor. Draußen waren wenig Häuser zu sehen, ein paar alte Fabriken, oft verfallen. Als wir unserem Zielbahof näher kommen, schauen wir neugierig aus dem Fenster, weil Thomas angekündigt hat, dass man die Fabrik schon vom Zug aus sehen kann. Und tatsächlich, ein großes Haus aus rotem Backstein. 
Die Ausstrahlung des Gebäudes wirkt sympathisch, einladend, warm. Die Geschichte hat an der Fassade ihre Spuren hinterlassen wie im Gesicht eines alten Mannes. Der durch ein kleines Dach geschützte Eingang ist offen, die Tür stark verwittert. Ich gehe gerne durch diese „Pforte“. Dieses alte Wort passt. Im Flur Steintreppen, an den Wänden Reste einer alten Bemalung. Mir – mit technikbegeisterter Vergangenheit – fällt sofort die Wand voller alter grüner Sicherungskästen auf, klar: eine alte Fabrik. 
In meinem Kopf spüre ich immer die Frage: Könnte ich hier wohnen? Aber ich will keine Antwort, noch nicht, ich will das Haus auf mich wirken lassen, neugierig die Atmosphäre einsaugen. 
Zum Wohnen war mir die Fabrik eigentlich viel zu weit weg von Köln und ich war erleichtert, als meine Partnerin Astrid signalisiert, dass sie nicht ohne mich gehen würde, obwohl für sie ein Umzug schon in Betracht käme. 
Andererseits passte viel zusammen, neben dem Plenum sollte auch das Soziale einen regelmäßigen Platz haben, es bildete sich nach und nach eine Gruppe mit Aufbruchstimmung. Das lag mir, denn ich wollte mich ungern in eine schon existierende Gemeinschaft integ-rieren, ich wollte lieber selbst mit aufbauen, nichts von der Geburt einer Gemeinschaft verpassen, mit allen gemeinsam starten. 
Doch ich konnte mich nicht entscheiden, war hin- und hergerissen zwischen der Heimat Köln und der Sehnsucht nach Gemeinschaft und ging schließlich ein paar Stunden auf den Spitzberg, nahe dem Dorf. Von dort aus konnte ich die Fabrik sehen, über das Dorf schauen, bis nach Polen und Tschechien. Überblick – das war es, was ich brauchte. Die Lösung, die mir dort einfiel, war einfach: Ein halbes Jahr zur Probe in der Fabrik wohnen und mein WG-Zimmer in Köln behalten. Der Entscheidungsstress war vorbei, und überraschenderweise war dann schon nach ein paar Tagen klar, dass ich mitmachen, mit einziehen wollte. Im März 1998 war es dann soweit. 
Tatsächlich bestimmt das, was ich vom Spitzberg aus damals überblicken konnte, unser Leben bis heute: Die Fabrik, die Verbindung zum Dorf, zu Projekten in Zittau, und zu Tschechien und Polen. 

Der Traum „Gemeinschaft“ 

In der Rückschau haben sich meine Motivationen, meine Ziele zwischen dem Einzug und jetzt wenig verändert. Und natürlich gibt es Enttäuschungen. Um unsere gemeinsame Entwicklung zu verstehen, haben wir unsere Gemeinschaft oft mit einer Liebesbeziehung verglichen: Zur Zeit der Verliebtheit ist alles neu, die neuen Weggefährten sind spannend, man tauscht sich aus, spielt, unternimmt viel miteinander, ist anderen gegenüber toleranter und unkritischer. Es entstehen neue zwischenmenschliche (Liebes-)Beziehungen. Diese intime Art von Gemeinschaft, diese Intensität, das gemeinsame Suchen nach Ausdruck und -Identität, nach dem übergeordneten Ganzen habe ich immer gesucht. Und das mit Menschen, die nicht von vorne beginnen, die schon Gruppenerfahrung und eine Vorstellung ihrer Ziele haben, die aber auch Anregungen von außen brauchen, die sich gegenseitig zu Beratungs- und -Coachingrunden einladen. Menschen, die vor der eigenen Veränderung, vor dem eigenen Wachstum keine Angst haben, ja neugierig darauf sind, was aus ihnen werden wird. 
Mir als Musiker lag besonders, dass alle Arten von Kultur einen hohen Stellenwert genießen: Eine Bildhauerin, eine Singbegeisterte, eine der Kulturveranstaltungen organisiert, Theatermenschen im Umfeld. Wir treffen uns zum Singen, denken uns originelle Atelierabende aus, laden zu Kunstwochen ein. 
Die Neugier ist im Lauf der Jahre jedoch verblasst. Wir sind nüchterner im Umgang miteinander, brauchen mehr Zeit für uns selbst, man ist schon mal leichter genervt. (Wobei es für mich eine neue, positive Erfahrung ist, auch mal wütend sein zu können, ohne dass das Gegenüber alles in Frage stellt.) Umso stärker brauchen wir Ziele, an denen wir uns ausrichten. Nicht jeder muss jedes einzelne Ziel unterstützen, aber in der Summe muss die Ausrichtung akzeptiert sein. 

Die Realität 

Im Alltag erlebe ich heute weniger Intensität, weniger Experimentierfreude als am Anfang und als ich es mir wünschen würde. Wir alle haben mehr Außenkontakte, die gepflegt werden wollen, professionelle und private. Das alles lässt sich auch positiv sehen. Wir haben es geschafft, Geldverdienen, Arbeit und Leben stärker zu verbinden. Ich kann viele meiner Träume leben und verdiene trotzdem meinen Unterhalt. Durch die stärkere Öffnung wirkt die Kulturfabrik auch stärker im Außen: Das Kinoprogramm gestalten Freunde aus dem Umfeld mit. Der wöchentliche Kinoabend mit bis zu 100 Besuchern ist ein guter Treffpunkt für die Menschen im Haus, für Freunde und Fremde drumherum. Wir gestalten Ausstellungen, organisieren Workshops, Kindertage, Konzerte, führen philosophische und politische Diskussionen. Wir beteiligen uns aktiv an Festen in Zittau, bereichern sie durch Musik und Masken. 
Vorletztes Jahr haben wir mit anderen aus dem Dorf die „Offene Liste“ gegründet, die nach der letzten Wahl drei Gemeinderatsmitglieder stellt. Wir beschäftigen uns mit unserer eigenen Geschichte, haben ehemalige Fabrikbewohner interviewt und erfahren, dass es nach dem Krieg hier schon eine zufällige Gemeinschaft von Flüchtlingen gab, die so zusammengewachsen war, dass über Jahre keiner wegziehen wollte. 
Wir haben Osteuropa entdeckt, bereisen mit Vertretern anderer Initiativen Tschechien, Polen, die Ukraine, die Slowakei und treffen uns dort mit Kulturschaffenden, Fachleuten und Journalisten. Im Haus haben wir eine Heilpraxis, eine Firma für EDV-Beratung, eine für Kulturmanagement sowie einen Betrieb für Landschaftsgestaltung. Wir klären inzwischen unsere Abwässer selbst, nutzen sie auch als Brauchwasser und heizen im Wesentlichen mit Holz; wir erzeugen einen Teil unseres Stroms mit einem Blockheizkraftwerk und einer Solaranlage selbst und haben erfolgreich neue -Technologien ausprobiert, wie zum Beispiel die Wandheizung. 
Und nicht zuletzt haben wir die Oberlausitz als Heimat liebgewonnen: die weniger dichte Bebauung, das Zittauer Gebirge, das Riesengebirge, die nächsten Städte Dresden, Görlitz (West und Ost) und Prag. 

Die Gemeinschaft und ich 

„Ich könnte nicht mit anderen so zusammenleben“ und „Ihr habt es aber schön hier“ sind die beiden häufigsten Sätze, die ich von Freunden und Besuchern höre. Zwischen beiden scheint ein Widerspruch zu klaffen, der sich erst auflöst, wenn man nachfragt. Die eigentliche Frage ist: „Ich weiß nicht, wie das gehen soll, wie man mit anderen so nah zusammenleben kann. Es gehört nicht zum normalen Alltag.“ 
Als entlastende Fakten sind darauf zu nennen: Wir machen nicht alles zusammen. Auch bei uns braucht jeder den Rückzug. Jeder ist anders, und je mehr unterschiedliche Charaktere das Biotop Gemeinschaft bevölkern, desto stabiler wird es, desto umfassender sind Kenntnisse und Lebenserfahrung. 
Immer wiederkehrende Fragen sind: Welches ist mein Part in der Gemeinschaft, welche Aufgaben übernehme ich, welche besser ein anderer? Was kann ich? Welche Fähigkeiten sehen die anderen in mir? Eine erste wichtige Erfahrung war, dass das Bild, das ich von mir selbst habe, durchaus nicht immer mit dem übereinstimmt, das andere von mir haben. – Klar, theoretisch wusste ich das vorher; aber mich hat es trotzdem überrascht, von meinen Mitmenschen in einer Position gesehen zu werden, in der ich andere Mitbewohner für kompetenter hielt. 
Wir haben die Verantwortlichkeiten aufgeteilt, und jeder hat allein oder zusammen mit anderen einige Bereiche übernommen, manchmal wird gewechselt, früher häufiger. Ich habe zuerst Bereiche übernommen, in denen ich mich – oft als Einziger – gut auskenne: Heizung, Elektrik, Computer-Netzwerk, Kunst und Kultur, später die Außendarstellung. Zeitweise wurde es zu viel, und ich habe wieder Bereiche abgegeben. Ich wurde oft zu Coachings, zu Streitschlichtung, beruflicher oder privater Neuorientierung mit eingeladen. Im Lauf der Zeit habe ich diese mir zugeschriebene Kompetenz akzeptiert und den Bereich „Soziales“ mit zwei anderen übernommen, zunächst für drei Monate – das war vor vier Jahren. Mit der Zeit bildete sich insgesamt eine Struktur heraus, in der fachliche und persönliche Kompetenz gut für die Gemeinschaft genutzt werden können. 
Neben den Aufgaben in und um die Fabrik herum bleibt zum Glück noch Platz für Eigenes: Zum Arbeiten fahre ich ein-, zweimal im Monat nach Köln und manchmal zu Proben und Konzerten mit Ida Kelarovas Chor „Apsora“ oder dem „Ethno Jazz Project“. Außerdem bin ich regelmäßig aktiv als Workshopleiter oder -teilnehmer in anderen Gemeinschaften. 

Wie geht es weiter? 

Obwohl sich viel erfüllt hat, bleiben trotzdem Träume, bleibt die Erinnerung an die etwas verblasste Intensität des Anfangs, und es tun sich neue Perspektiven auf. 
• Nach der Renovierung der Außenfassade 2004 und des Kinos 2005 stehen dieses Jahr baulich die Perfektionierung der Elektrik und der Abschluss der Renovierung der Sanitärräume an. 
• Wir wollen unsere Außendarstellung verbessern: einen Flyer und ein Außenschild für die Kulturfabrik entwerfen, den Internetauftritt durch ein Redaktionssystem erweitern. 
• Schließlich steht der 100-jährige Geburtstag der ehemaligen Nudelfabrik an. 
• Und: Wir suchen neue Mitbewohner. Seit Jahresanfang sind drei Neue eingezogen, und das ist Klasse. 
Die Kulturfabrik ist meine Gemeinschaft. Hier habe ich meinen Platz, meine Heimat gefunden. Ich habe mich in den letzten Jahren nicht nur hier im Haus verwurzelt, sondern auch in der näheren Umgebung und bis nach Czernowitz und Prag. Mitmusiker und Mitbewohner bereisen gerade Australien und Brasilien. Leben auf dem Lande – und trotzdem mit der Welt verbunden. Welch ein Traum! ´ 

   
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